Am Gipfel des Adlerwipf
Der Titel von Luise Kinsehers neuem Programm, "Hotel Freiheit", ist
zugleich Schauplatz der Handlung. Das traditionsreiche Haus am Gipfel des
Adlerwipf beherbergt jede Menge kurioser Stammgäste. Etwa die resolute
Helga Frese, die ihrem 88-jährigen Mann Heinz ein hartes Lauftraining
verordnet. Um sich gegen den drohenden Terrorkrieg zu wappnen hat sie
bereits Alarmanlage, Bewegungsmelder, und Selbstschussanlage angeschafft.
"Bei einer Selbstschussanlage - wer da nicht laufen kann..."
Luise Kinseher kreist das Thema Freiheit aus verschiedenen Richtungen ein.
Von innen und außen. Sicherheitspolitik und Terrorangst werden beleuchtet,
aber auch der moderne Freizeitmensch und sein Streben nach
Individualismus, die Beliebigkeit der vielen Möglichkeiten, die gar nicht
mehr als Freiheit empfunden werden, sondern als Last. "Freiheit" erklärt
die unsentimentale Helga Frese "Freiheit ist für mich, wenn Heinz weg ist.
Doppelhaushälfte: ja, Doppelbett: wenn's sein muss, Doppelgrab: niemals!"

Feindliche Übernahme befürchtet
Es sind stets die ganz großen Themen, die Luise Kinseher aufgreift. Gleich
in ihrem ersten Programm "Ende der Ausbaustrecke" ging es um den Tod, dann
um den Heimatbegriff, ums Glück, und jetzt um die Freiheit. Doch die
Freiheit, dieses Gut, das man oft erst dann schätzt, wenn es einem
genommen wird, die Freiheit ist gefährdet, denn dem in Staatsbesitz
befindlichen Gipfelhotel namens "Freiheit" droht die feindliche Übernahme
- durch Terroristen oder reiche Russen.
Saboteure seien bereits eingeschleust, vermutet das Hotel-Personal.
Ständige Stromausfälle, eine auf halber Höhe steckengebliebene Gondel
voller Insassen, die auf Befreiung warten, aber auch einfach nur
schmutzige Tischtücher und leere Klopapierrollen - alles eindeutige
Zeichen der Bedrohung. Sogar eine besondere Service-Einrichtung des
Hochgebirgs-Hotels, die "Sprungschanze für Lebensmüde" sei angesägt
worden. "Da will man sich einmal im Leben umbringen - und dann ist es
Mord!", empört sich Frau Rösch von der Direktion und macht sich sofort auf
die Suche nach dem Saboteur. Bewaffnet mit einer Videokamera durchstreift
sie die Sitzreihen des RadioKulturhauses, zoomt sich besonders verdächtige
Besucher näher heran. "Ich hab sie jetzt alle im Kasten, wunderbar. Das
stell ich ins Internet und unser Herr Schäuble wird dann schon jemanden
finden, der sie als Verbrecher identifiziert."

Zimmerschieds Einfluss
Wenn mit dem Publikum frei improvisiert wird, fällt dem geschulten
Kabarettbesucher unwillkürlich der bayrische Großmeister der Kleinkunst
ein: Sigi Zimmerschied. Er hat einmal ein ganzes Programm ausschließlich
im Zuschauerraum gespielt und ist erst zum Verbeugen auf die Bühne
gegangen. Ja, bestätigt Luise Kinseher, der Einfluss von Zimmerschied ist
nicht zu leugnen, über ihn hat sie einst, als Studentin der Germanistik,
Theaterwissenschaft und Geschichte sogar ihre Magisterarbeit verfasst.
"Es gibt da diese Passauer Kabarett-Tradition", erklärt Kinseher, "Bruno
Jonas, Ottfried Fischer, Sigi Zimmerschied, Rudolf Klaffenböck. Das ist
ein ganzes Nest, eine Richtung, die in den 1980er Jahren entstanden ist,
in dieser Enge aus Katholizismus und CSU. Die Tradition ist da, auch die
Infrastruktur, die Wirtshausbrett'ln, das Publikum, das sich sowas gerne
anschaut beim Bier."
Sechs verschiedene Gäste
Seit rund zehn Jahren bringt Luise Kinseher nun schon ihre dramaturgisch
ausgefeilten Satiren auf die Bühne. Ganz ohne aufwändigen
Kostümierungsfirlefanz, einfach nur mit variantenreicher Mimik stellt sie
ihr Personal dar. "Ihre Figuren", so war in der "Süddeutschen Zeitung" zu
lesen, "sind genial-diabolische Sozialstudien aus dem Dunkelfeld der
Gesellschaft. Und ihr Humor ist schwarz wie die Nacht."
Sechs verschiedene Charaktere stellt Luise Kinseher im "Hotel Freiheit"
dar. Zum Beispiel die stets angeheiterte Maria, die gerade an einem
Benimm-Kurs bei Gräfin Donata von Fucke teilgenommen hat. Dort hat sie
unter anderem gelernt, dass immer der zuerst grüßt, der den anderen zuerst
sieht. "Die spinnt! Wer glaubt denn die, dass ich bin, dass ich wart, bis
mich der andere zuerst sieht!"
Kinseher alias Kinseher
Luise Kinseher spielt aber nicht nur die Gäste und Angestellten des
Hotels, sondern auch sich selbst; genauer gesagt eine für die
Abendunterhaltung engagierte Kleinkünstlerin ihres Namens. Mit bayrischer
Dialektkunst hätte sie für harmloses Amusement sorgen sollen. Weil sie
aber weder ein Dirndl trägt noch bereit ist zu jodeln, wird sie des
Hochverrats verdächtigt und eingesperrt.
Den Hotelgästen geht es kaum besser. Sie werden schließlich vor die Tür
gesetzt, denn am Ende kommen sie tatsächlich, die Russen. Ab jetzt gilt
das Motto: "Freiheit ist für alle da, aber nur wer am meisten zahlt,
bekommt auch ein Zimmer."