Zur Erhebung der Stadt - vor 75 Jahren.

Eine Stadt feiert bescheiden - aber immerhin.

 

 
Marktplatz 1925 = Ansicht um das Jahre 1925

 

Fünfundsiebzig Jahre Stadtrecht sind sicher kein Ereignis von epochaler Tragweite, kein Jubiläum aus dessen Anlass man ein Denkmal enthüllt. Aber 75 Jahre sind ein Markstein, an dem man innehält um in der Vergangenheit zu forschen, die Gegenwart zu betrachten und die Zukunft zu überdenken.

 

Der 1. April 1929 brachte dem Markt Vilsbiburg eine frohe Botschaft, die von vielen Bewohnern zuerst als ein Aprilscherz gewertet wurde. Durch Entschließung des Bayerischen Staatsministeriums des Inneren vom 28. März 1929, wurde der Marktgemeinde Vilsbiburg die Genehmigung erteilt, die frühere Bezeichnung „Stadt“ wieder zu führen. Nun fragte sich doch so mancher: War denn Vilsbiburg schon einmal eine Stadt?

Das Leben und Werden einer Stadt ist unumgänglich mit seiner Geschichte verknüpft. Diese historische Symbiose wird im Heimat- und Stadtmuseum Vilsbiburg auf 1000 qm hervorragend präsentiert.

Zum 75jährigen Stadtjubiläum ist es fast ein »muß« die archivalen Quellen zu studieren. Sie bringen den Nachweis, dass ab dem Jahre 1367 Vilsbiburg nur noch als Markt, früher aber auch schon als Stadt in den Urkunden zu finden ist. In den bisherigen Forschungen zur Stadtgeschichte wird dies auch immer wieder erörtert. Urbare, Urkunden und Freiheitsbriefe aus den Jahren 1301/04, 1323, 1337 und 1341 bringen vielfältig und unabdingbar den Beweis, dass schon zu dieser Zeit, das mit Mauer, doppeltem Wall und Zaun befestigte Vilsbiburg, als „Stat“ geführt wurde und eine herzogliche Wittelsbacher Stadt gewesen ist.

 

 

 

Schon vor fast 100 Jahren waren Bestrebungen im Gange, für den Markt Vilsbiburg, den im Jahre 1323 innegehabten Titel „Stadt“ wieder anzunehmen. Zur Durchführung dieses Gemeindebeschlusses war eine Volksabstimmung notwendig.

Beim Durchblättern des Vilsbiburger Anzeigers vom Jahre 1906, werden einige Bekanntgaben des damaligen Markt-Magistrats und der Bürgerschaft zur Stadterhebung preisgegeben.

Innerhalb der Bevölkerung gab es geteilte Meinungen zu diesem Vorhaben. Für die Wiederernennung zur Stadt gab es eifrige Befürworter, aber auch zahlreiche Skeptiker, die der Meinung waren, wenn Vilsbiburg zur Stadt erhoben ist, wird dieser auch eine höhere Steuerlast aufgebürdet. Am 23. Dezember 1905 beschlossen Magistrat und Gemeindekollegium in einer gemeinsamen Sitzung unter Bürgermeister Michael Winkler entsprechende Schritte einzuleiten. Am 26. Januar 1906 wurden die Bürger vom Magistrat und dem Gemeindekollegium dahingehend informiert, dass in der Sitzung vom 23. Dezember beschlossen wurde, für den Markt Vilsbiburg, den nach Ausweis des vorliegenden Aktenmaterials noch im Jahre 1323 innegehabten Titel „Stadt“ wieder anzunehmen. Jedoch ist dazu die Zustimmung von 2/3 der Bürgerschaft erforderlich. Informiert wurde auch, dass durch die Umwandlung des Marktes in eine Stadt, eine Umlagenerhöhung nicht eintritt. Die Frist zur Abgabe der Stimme war auf den 15. Februar festgelegt, wurde dann aber bis zum 1. März 1906 verlängert. Der Grund der Verlängerung waren die vielen gegenseitigen Meinungen in der Vilsbiburger Bürgerschaft. Ein Aufruf an die Bürger, die Liste nur zu unterschreiben wenn die Überzeugung gewonnen hat, dass der Titel „Stadt“ wirklich in jeder Beziehung Vorteile mit sich bringt, lässt die Unsicherheit erkennen. „Es ist die gegenwärtige Anschauung und Überzeugung der meisten Bürger, dass dies nicht der Fall ist und die Lasten für die Bürger durch die Erhebung zur Stadt, eine erheblich größere wird.“ Begreiflich, dass in den folgenden Tagen und Wochen die verschiedenen Meinungen aufeinander prallten und besonders am „Biertisch“ ging es manchmal gar „hitzig“ zu. Das Ergebnis dieser Volksbefragung war ernüchternd. Der Bericht über die Magistratssitzung vom 8. März 1906 machte alles klar: „Bezüglich des Projektes für den Markt Vilsbiburg, den bereits in früheren Jahren innegehabten Titel „Stadt“ wieder anzunehmen, wird bekannt gegeben, dass von den stimmberechtigten 158 Bürgern nur 79 (Frauen wurden nicht gefragt!) dafür stimmten und somit die vorgeschriebene Zahl der Stimmen nicht erreicht wurde“.

   


Stadt Inserat = schon 1906 wurde versucht dem Markt den Titel "Stadt" zu verleihen.

   
 

Nach dem I. Weltkrieg griff der Marktrat das Vorhaben wieder auf und beantragte unter Bürgermeister Josef Brandl erneut das Stadtrecht. Wie beträchtlich der Elan war, mit dem die ganze Sache angegangen wurde, verrät der Umstand, dass am 18. Mai 1921 unter Umgehung des Dienstweges ein Gesuch direkt dem Innenministerium in München zuging, und dieses dringend um die Wiederverleihung des Stadtrechtes gebeten wurde. So rasch, wie dies staatliche Stellen allenfalls bei negativen Bescheiden vermögen, antwortete die Ministerialbürokratie sehr kühl über den Amtsweg des Bezirksamtes Vilsbiburg, die Verleihung der Bezeichnung „Stadt“ sei im Gesetz nicht vorgesehen und müsse daher abgelehnt werden. So war dieser Versuch, an der Ablehnung des Bayerischen Staatsministeriums des Innern gescheitert. Das Wissen über eine Wittelsbacher Stadt an der Vils und den Freiheitsbrief von 1323, in dem Vilsbiburg über 45 mal als „Stat“ in Erscheinung tritt, die Privilegien und Rechte, auch die früheren von den Herzögen bestätigt, ließ die Verantwortlichen des Marktes nicht los, diesem wieder den Stadtstatus und die Stadtrechte verleihen zu lassen.

 

So ganz ad acta legen wollte man im Vilsbiburger Rathaus dieses Thema nicht. Ein handschriftlicher Vermerk vom 19. Oktober 1925 verrät, der 1. Bürgermeister von Pasing habe mitgeteilt, das Staatsministerium könne derartige Gesuche sehr wohl genehmigen. Dann ist dabei noch das Wort „Waldkirchen“ mit zwei bedeutenden Fragezeichen angefügt. Hier wurde von Vilsbiburg aus, im selben Monat noch nachgefragt, wie es der Markt im Bayerischen Wald wohl geschafft hat, zur Stadterhebung vorgeschlagen zu werden!

Der Vorstoß des Vilsbiburger Gewerbe-Vereins mit einem Schreiben vom 2. Februar 1927 in Sachen „Stadterhebung“, war bei der am gleichen Tage anberaumten Ratssitzung ein willkommenes Geschenk, das auch gleich an das Bezirksamt weitergeleitet wurde. Der 1. Vorsitzende des Vereins Ruppert, führte in seinem Schriftsatz aus, dass die Bezeichnung „Stadt“ auf dem „Gnadenwege“ zu erwirken sei. Nachteile sind nicht zu erwarten, nur Vorteile. Man wird z. B. Ämter einer Stadt nicht so leicht aufheben als die eines Marktes. Ferner wird man die Eisenbahnlinie, wegen dem Vorhaben einer Tauern-Eisenbahnlinie, weniger rasch von der Stadt Vilsbiburg wegverlegen. Bei Vorstellungen von Deputationen oder bei sonstigen Anlässen gemeindlicher Vertretungen, wird das Wort einer Stadt gewichtiger in die Waagschale fallen, als die Vorstellungen des Marktes.

Bis weit in das Jahr 1928 hinein erstreckte sich nun eine umfangreiche Korrespondenz, die schließlich in einer Bitte an Ministerpräsident Dr. Held gipfelte, er möge einer Abordnung der Marktgemeinde Vilsbiburg, eine Audienz gewähren. Der Ministerpräsident nahm jedoch davon Abstand die Vilsbiburger zu empfangen, jedoch schien der Faden nicht mehr abzureißen. Innenminister Dr. Stützl dämpfte den Schwung der Vilsbiburger wieder etwas, als er in einem Brief vom 7. Mai 1928 davon sprach, dass viele Marktgemeinden aus einer „neuzeitlichen Titelsucht heraus, die sich bis in die Körperschaften des öffentlichen Rechts auszuwirken scheint, nach der Bezeichnung Stadt streben“.

  


Stadt 1929 = Der Stadtrat im Jahre 1929, Stadtverleihung

   

 

 


Bürgermeister Brandl

So wurde vor 75 Jahren die Entschließung vom 28. März 1929 des Bayerischen Staatsministeriums des Inneren, der Marktgemeine Vilsbiburg die Genehmigung zu erteilen, den Titel „Stadt“ wieder zu führen, mit großem Wohlwollen aufgenommen.

Die weißblauen Fahnen in den Straßen von Vilsbiburg flatterten am Ostermontag, dem 1. April 1929 im frischen Wind. Als die Uhren der Vilsbiburger Türme die sechste Stunde anzeigten, weckte die Kapelle des Vilsbiburger Musikvereins, Bürgermeister Josef Brand mit dem vom Dirigenten Fromberger extra komponierten Marsch „Ein Hoch der Stadt Vilsbiburg“. Vilsbiburg feierte den ganzen Tag die Erhebung zur Stadt. Überraschend war am Gründonnerstag den 28. März 1929 um 18.10 Uhr im hiesigen Postamt ein Schmucktelegramm von Staatsminister Dr. Stützel eingetroffen: „Gratuliere zur Wiederverleihung der Bezeichnung „Stadt“. Da schon einmal vor dem I. Weltkrieg, viel von einer werdenden Stadt Vilsbiburg gesprochen wurde, glaubten gar viele Vilsbiburger nicht so recht an die Echtheit des Telegramms, manche sogar an einen üblen Aprilscherz, den sich da ein Vilsbiburger Spaßvogel geleistet hatte. Am Morgen des 29. März hatte man dann aber die Gewissheit, da in einer Sitzung des bayerischen Ministerrates dem Markt Vilsbiburg die Bezeichnung „Stadt“ genehmigt wurde. Die Kirchenglocken klangen förmlich um die Wette, als sich die bisherigen Gemeinderäte um 11.00 Uhr zur feierlichen ersten Stadtratssitzung begaben. Neben dem 1. Bürgermeister Josef Brandl und 2. Bürgermeister Karl Schöx, hatten sich die Stadträte Watzka, Dr. Marquard, Dr. Lindner, Breiteneicher, Mühlbauer, Reindl, Kreill, Balk, Schneider, Kirnberger, Seidl, Obermüller, Kalmeier, Ellinger und Gschaider, sowie auch sämtliche städtische Beamte und Angestellte eingefunden. Der Zuhörerraum war dicht besetzt, als Bürgermeister Brandl die Entschließung des Staatsministeriums des Inneren bekannt gab: „Es gereicht mir zur besonderen Ehre und Freude, Ihnen meine sehr verehrten Herren, heute eine geschichtlich hochwichtige Entschließung des Staatsministeriums des Inneren eröffnen zu dürfen, aus welchem Anlass Sie auch heute zu dieser außerordentlichen Sitzung in das Rathaus eingeladen wurden. Unsere Heimat, unser liebes Vilsbiburg, ist mit Wirkung ab 1. April 1929, also vom heutigen Tag an, wieder „Stadt“ geworden und ich eröffne hiermit feierlich die 1. Sitzung des Stadtrates Vilsbiburg. Wie ich Ihnen am Karfreitagvormittag eröffnen durfte, traf am Gründonnerstag den 28. März abends 18.10 Uhr, von Staatsminister Dr. Stützel folgendes Telegramm ein: „Gratuliere zur Wiederverleihung der Bezeichnung Stadt; Innenminister Dr. Stützel“. Nach sofortiger Meldung dieser überraschenden Botschaft beim Bezirksamt, erfolgte nach vorheriger amtlicher Prüfung der Depesche, die Absegnung folgenden Dank-Telegramms an Herrn Innenminister: „Für die Wiederverleihung der Bezeichnung Stadt und für die übersandten Glückwünsche bitten wir hochverehrten Herrn Staatsminister Dr. Stützel, wie auch dem Hohen Gesamtstaatsministerium aufrichtigsten Dank ergebenst entbieten zu dürfen: Stadtrat Vilsbiburg, Brandl 1. Bürgermeister, Schöx 2. Bürgermeister“. Nach Beendigung dieser feierlichen ersten Stadtratssitzung trafen sich die Stadträte und Teilnehmer der Sitzung im Gasthof Schöx-Bräu zu einem Frühschoppen. Hier sprach Brandl einen Toast auf die neue Stadt aus: „Mögen nun die folgenden Stadtratssitzungen Beschlüsse hervorbringen, die sich auswirken können zum Wohle der Stadt Vilsbiburg, ohne dass den Bewohnern untragbare finanzielle Lasten aufgebürdet werden müssen. Freuen wir uns alle der Tatsache, dass der Osterhase unser Vilsbiburg in diesem Jahre nicht vergessen hat.“

     


Schmuckfax vom 28. März 1929 vom Innenmisterium über die Ernennung der Stadt Vilsbiburg.

   
 

 Auf die Unterstützung sämtlicher Mitglieder des Gemeindekollegiums konnte Bürgermeister Brandl indes bei seinen Bemühungen nicht bauen. Franz Orelli und Josef Thallmayr, blieben als erklärte Gegner dieser Aktion sogar dem gemeinsamen Fototermin im Lechnergarten fern und der Goldschmied Thallmayr, der noch im Jahre 1906 „für“ die „Stadt“ seine Stimme abgegeben hatte, konnte es sich nicht verkneifen, die Fahne an seinem Haus in der Oberen Stadt, mit dem Trauerflor des Protestes zu versehen.

Am Karsamstagmorgen traf vom niederbayerischen Regierungspräsidenten, von Chlingensperg folgendes Handschreiben ein: „Der Regierungspräsident von Niederbayern, Landshut den 29. 3. 1929. Sehr geehrter Herr Bürgermeister! Soeben kommt eine Entschließung des Staatsministeriums des Inneren, wonach Ihr liebes Vilsbiburg „Stadt“ geworden ist. Ich freue mich sehr darüber, beglückwünsche die Stadt und wünsche ihr weiter beste Entwicklung. Das Bezirksamt bitte ich Sie gleich zu verständigen, bevor die Nachricht in weitere Kreise dringt. Ihr v. Chlingensperg.“

Der Wortlaut der Ministerialentschließung ist folgender: Nr. 3011 a 8, München 28. März 1929, Staatsministerium des Inneren: An die Regierung von Niederbayern, Kammer des Innern. Betreff: Führung der Bezeichnung „Stadt“ […]. Der Marktgemeinde Vilsbiburg wird mit Wirkung vom 1. April 1929 die Genehmigung erteilt, die von ihr früher geführte Bezeichnung „Stadt“ wieder zu führen. Gezeichnet Dr. Stützl.

Die Abschlussbetrachtung von Bürgermeister Josef Brandl war: „Gebe Gott, dass die Wiedergeburt der Stadt Vilsbiburg sich recht segensreich auswirken möge, zum Wohl aller Mitbürger und Bewohner, zum Wohle der Stadt Vilsbiburg“.

Die offiziellen Festlichkeiten zur Stadterhebung fanden nach mehrmaliger Terminverschiebung am 21. und 22. September 1929 statt. So richtig erfreuen konnte sich jedoch Bürgermeister Brandl über die Stadternennung nicht mehr. Nach den Kommunalwahlen am 8. Dezember 1929 fand Brandl plötzlich im Stadtrat keine Mehrheit mehr und wurde durch seinen bisherigen Stellvertreter Karl Schöx abgelöst. Seine Stimme im Stadtrat erhielt Carl Köhler, welcher als NSDAP Ortsgruppenleiter am 1. Juli 1934 selbst den Stuhl des 1. Bürgermeisters von Vilsbiburg einnahm.  

                      Text und Fotoauswahl:   Peter Käser