Tag des offenen Denkmals 2009
Staunen über Vilsbiburger Gastronomie
Hunderte genossen die Stadtrundgänge zu den historischen Orten des Genusses

 

Tag des offenen Denkmals 2009
Peter Barteit
 

Als Ort des Genusses hat der Sattler Michael Daller die Situation an seiner Hauswand in der Judengasse, dem heutigen Löchl, ganz offensichtlich nicht empfunden. Sechs Meter lang und knapp zwei Meter breit türmte sich ein Misthaufen bis unter die Fenster seiner Wohnung auf, weshalb es in den Räumen fürch-terlich stank. So zog Daller im Jahr 1646 gegen seinen Nachbarn, den Bierbrauer Michael Döbl vor Ge-richt. Dieses ordnete einen Ortstermin an, bei dem der Beklagte auf ein seit hundert Jahres verbrieftes Recht verwies, an dieser Stelle den Dung aus seinen Ställen zu lagern. Außerdem sei in der Gasse wegen der Braustädel der Vilsbiburger Biersieder kein anderer Platz. Das Gericht entschied salomonisch: Döbl solle den Mist nicht so hoch aufhäufen, sondern öfters abfahren und ihn in der Zwischenzeit abdecken

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früher:           "Wurzer",                         "Gasthaus Zum Goldenen Kreuz"

Dieser mehr als 360 Jahre zurück liegende Rechtsstreit, zu dem es einen sehr anschaulich gezeichneter Lageplan mit dem „corpus delicti“ im Mittelpunkt gibt, vermittelte am Tag des offenen Denkmals einen von vielen spannenden Einblicken in das Leben im alten Vilsbiburg. Fast 400 Interessierte hatten sich zu den sechs Stadtführungen eingefunden, die von Lambert Grasmann, Peter Käser und Peter Barteit durchgeführt wurden. Dabei war das Erstaunen groß über das enorme gastronomische Angebot einer Stadt, die von den Landshuter Herzögen planmäßig als Durchgangsstation auf dem Weg nach Burg-hausen gegründet wurde. Da wurde von Ställe für die Pferde berichtet und von Übernachtungsmög-lichkeiten für die Reisenden. Wobei die Fuhrleute, was Hunger und Durst anbelangt, ihren Zugtieren in nichts nachstehen wollten. Aber auch die Vilsbiburger Bürgerschaft wusste den Gerstensaft sehr wohl zu schätzen und konnte ihre Gemütlichkeit schnell verlieren, wenn sie nicht mit genügend Bier versorgt wurde. Das war beispielsweise im Oktober 1723 der Fall und laut Ratprotokoll gingen die Bierbrauer wegen dieses Vergehens in Arrest.

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früher: "Schmiedwirt"         früher "Hoferbräu"

16 Bierbrauer in Vilsbiburg

Dieser Lieferengpass verwundert ein wenig, gab doch zu dieser Zeit noch mindestens zwölf Brauer am Ort; 100 Jahre vorher waren es gar 16 gewesen. Allerdings besaßen nur fünf von ihnen ein eigenes Brauhaus, neun Biersieder nutzten jeweils zu dritt einen Braustadel und weitere zwei betrieben zusammen eine „Kommunbrauerei“. Dieses gemeinschaftliche Biersieden wurde von Herzog Wilhelm von Bayern im Jahr 1513 eingeführt. Bis dahin hatte es nur einen Bierbrauer in Vilsbiburg gegeben. Das war der Ver-walter in der herzoglichen Taverne im Unteren Vormarkt, dem heutigen Gasthof Schöx. Als der Herzog auf Bitten von Bürgermeister und Rat allen Bürgern von Vilsbiburg das Bierbrauen erlaubte, schränkte er, wohl wegen der Brandgefahr gleichzeitig ein, dass nur Braustädel nahe der Vils benutzt werden dürfen.

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früher: "Weißbierbrauerei Zach",  "Forsthuberbräu", "Wurzerbräu"         "Federbräu"                          

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Auch sonst erfuhren die Teilnehmer der Stadtrundgänge viele unbekannte Details über die Orte des Genusses im alten Vilsbiburg. Dass beispielsweise im Anwesen Hammer am Stadtplatz in den 1890er-Jahren eine Weißbierbrauerei Zach ansässig war, verwunderte ebenso wie Existenz des  Federerbräu um 1800 im Hause Mertel oder des Winklerbräu in der heutigen Sparkasse. „Ja gab es denn früher in Vils-biburg in jedem zweiten Haus eine Brauerei oder Gastwirtschaft?“, fragten die Teilnehmer ganz erstaunt. Die Experten des Heimatvereins konnten diese Frage nur bejahen.

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früher:  "Auf der Post",         "Winklerbräu",                     "Stein",                              "Amberger"         

Der „Blutsturz“ des Bankiers Hardt

Geschichte und Geschichten laufen gerade im Bereich der Gastronomie immer wieder stark ineinander. So informierte man bei den Führungen von den Alten Bieren ebenso wie vom winterlichen Eisen auf der Vils. Auch wurden die Anekdoten rund um die Huber Hanna vom Bräu und eine aufschlussreiche Schilderung der Maria Außermeier nicht verschwiegen. Letztere hatte zu Lebzeiten erzählt, dass um 1900 in ihrem Elternhaus beim Schmiedwirt am Oberen Vormarkt die durchreisenden Handwerksburschen nur nackt ins Bett schlüpfen durften. Anlass für diese Maßnahme waren nicht etwa besonders lockere Sitten in der Tafernwirtschaft, sondern die verlauste und verwanzte Kleidung der Gäste. Und gleich neben dem Schmiedwirt befand sich das Café Vogt (heute Konrad). Hier feierte man an Sylvester 1909 fröhlich den Jahreswechsel. Mit dabei auch Sanitätsrat Dr. Kastl und Bankier Xaver Hardt, dem an diesem Abend besonders der Rotwein mundete. Spät in der Nacht läutete dessen Haushälterin bei dem Arzt und be-richtete schreckensbleich, ihr Chef habe einen Blutsturz erlitten. Mit wehenden Rockschößen eilte der Doktor in das Haus am Marktplatz 1. Dort fand er den Patienten aber keineswegs mit dem Tode ringend vor. Vielmehr hatte sich nur der überflüssige Rebensaft ein natürliches Ventil gesucht.

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früher: "Kastlbräu",                     "Englhör"                    "Westermayer"                                                         

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Die vom Lehrer Richard Hagn in Versform überlieferte Begebenheit zeigt: Auch wenn besonders in der Gastronomie der Wandel das einzig Beständige ist, bleiben gewisse Abläufe doch über die Jahrhunderte hinweg immer gleich.

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früher:   "Peterhans"                          "Wurzer"                 

Text:   Peter Barteit           Bildunterschriften:   Lambert Grasmann            Fotos:   WG

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