Bundesligavolleyball
Rote Raben - auf Meisterschaftskurs
Passauer Neue Presse vom 18.04.2008

Rote Raben Vilsbiburg

Großangriff aus der Kleinstadt

Mit einem Sieg heute Abend in Schwerin können die Roten Raben Vilsbiburg zum ersten Mal Deutscher Meister im Volleyball werden - ein gut erklärbares Wunder.


Von Sebastian Mense


Das schönste Lob kommt immer vom Gegner. "Irgendwann war es fällig", sagt Schwerins Manager André Wehnert. Er hofft nur, dass die Roten Raben nicht schon heute Abend bei seinem Schweriner SC ihre erste Meisterschaft feiern. Das niederbayerische Provinzstädtchen Vilsbiburg Deutscher Volleyballmeister der Damen - wie ein Wunder klingt das nur für Außenstehende, findet Wehnert.
Um zu verstehen, wie unwahrscheinlich ein Volleyball-Meister aus Vilsbiburg ist, muss man sich ein paar Fakten vergegenwärtigen: Noch nie hat ein Verein aus einer solch kleinen Stadt (11 000 Einwohner) einen deutschen Meister- oder Pokaltitel geholt; anders als Vereine wie Hamburg oder Leverkusen haben die Roten Raben keine Großsponsoren; 1992 war der Verein pleite und musste in der untersten Liga von vorne beginnen; erst seit 2001 spielt die Mannschaft wieder ununterbrochen Bundesliga; im letzten Sommer verließen die Spitzenspielerinnen Norisha Campbell und Birgit Thumm vor der Saison die Mannschaft; Manager Klaus-Peter Jung-Kronseder gab vor der Spielzeit aus: unter die ersten Sechs kommen. Aber nicht einmal das war sicher.
Und dennoch ist für Eingeweihte der Aufstieg der Raben erklärbar. "Im Spitzensport gibt es zwei Wege zum Erfolg", sagt Schwerins Manager Wehnert. "Entweder man kauft sich den Erfolg mit viel Geld. Oder, und das ist der längere Weg, man geht über ein langfristiges Konzept: über Geduld, über Lernen aus den Fehlern, über Nachwuchsarbeit."
Das langfristige Konzept ist in Vilsbiburg eine eigenartige Mischung aus Kommerzialisierung und Bodenständigkeit. Schon 2001 wurde der Verein in eine Kapitalgesellschaft umgewandelt, ein Jahr bevor der große Fußball-Club Bayern München auf diese Idee kam. Sponsoren können Heim-Partien kaufen und sie dann unter ihrem Namen "präsentieren". Andererseits kleben die Spielerinnen in den Läden und Wirtschaften der Stadt selber die Plakate, die für eben jene Partien werben. Um die Matches herum gibt es ein Rahmenprogramm mit Musikschnipseln und Akrobaten-Auftritten wie in einer amerikanischen Baseball-Liga. Aber um die Zuschauer auf den Geschmack zu bringen, trainiert der Bundesliga-Kader regelmäßig in den Vereins-, ja sogar Schulsporthallen der Umgebung.
Die Graswurzel-Arbeit trägt Früchte. Seit vier Jahren kommen zu keinem Wochenend-Spieltag weniger als 1000 Zuschauer. Die


"Jeder Metzger, jeder Bäcker unterstützt uns"


Fans reisen inzwischen aus Mühldorf, Eggenfelden, selbst aus dem Bayerischen Wald an; neulich ist die SG Saldenburg zum Auswärtsspiel bis nach Dresden gefahren. 108 regionale Sponsoren haben die Raben und gleichen damit durch die schiere Zahl aus, dass es keinen echten Großsponsor gibt, der das Team mit dicken Schecks nach oben hievt. "Jeder Metzger, jeder Bäcker hier unterstützt uns", sagt Manager Jung-Kronseder, mit dem der Aufstieg der Raben eng verbunden ist. "Zur Zeit muss ich eine halbe Stunde länger einplanen, wenn ich über den Marktplatz gehe, weil uns so viele Menschen auf die Schulter klopfen und Glück wünschen."

Als Dritter qualifizierten sich die Raben Anfang März für die Meisterrunde der letzten Sechs, Saisonziel erfüllt. Seitdem hat das Team alle sieben Spiele gewonnen. Mit den Händen greifbar ist die Sensation seit den beiden hauchdünnen Fünf-Satz-Siegen gegen den Titelverteidiger Dresden. Beim zweiten Duell am vergangenen Wochenende war die Vilstalhalle mit 1550 Zuschauern restlos ausverkauft. Eigentlich ist sie mit sieben Metern Höhe zwei Meter zu niedrig, die Raben spielen dort mit einer Ausnahme-Genehmigung des Verbands. Die niedrige Decke verstärkt den ohnehin ohrenbetäubenden Lärm, der Fanclub "Rabenpower" haut auf seine Pauken, zwischen den Ballwechseln schwappt die Welle über die Ränge. Vor dem vierten Matchball nach 124 Minuten steht die ganze Halle auf und peitscht die Mannschaft mit rhythmischem Klatschen nach vorn. Dann Stille, Aufschlag, Punkt, Jubel.
Drei Partien stehen noch aus, ein einziger Sieg würde reichen, um Meister zu werden. Sollte Verfolger Dresden in einem seiner Spiele patzen, ist nicht einmal das nötig. Nach der heutigen Partie bei den Schwerinerinnen (18 Uhr) gibt es am Sonntag in Wiesbaden

Rote Raben Vilsbiburg - Manager, Trainer, Saalsprecher

und am 26. Mai beim Heimspiel gegen Pokalsieger Suhl zwei weitere Gelegenheiten zu punkten. Vizemeister werden die Mädels mindestens, schon das ein Riesenerfolg. Es wäre die dritte Vize-Meisterschaft nach 2005 und 2006.
"Der Vorteil der Vilsbiburgerinnen ist, dass die Mannschaft ohne Stars funktioniert", lobt Konkurrent Wehnert. Spiele wie die gegen Dresden, in denen nach zwei Stunden Spielzeit ein einziger Ballwechsel den Ausschlag geben kann, entscheiden sich im Kopf, und dass ein Team sich derartig gemeinsam in einen Rausch spielt,


Männergeburt in der Turnstunde


"das habe ich noch nicht erlebt", bestätigt Jung-Kronseder. Der Zusammenhalt ist kein Zufall. Der Manager hat vor der Spielzeit durchgesetzt, dass trotz vier ausländischer Spielerinnen (von elf) und eines argentinischen Trainers Deutsch Dienstsprache ist. Die Damen verstehen sich.
Und das, obwohl sie allesamt "Dazugeholte" sind, wie Ekkehard Wetzel das nennt. Wetzel, 65 und pensionierter Hauptschullehrer, ist so etwas wie der Urvater der Raben, wenngleich er das in seiner Bescheidenheit herunterspielt und die Anfänge vor 37 Jahren kaum hätten vermuten lassen, dass sie die Keimzelle einer (möglichen) Meistermannschaft waren.
Vor allem waren die ersten Volleyballer Männer - eine Ironie bei einem Verein, der heute unter 15 Jugendmannschaften kein einziges Bubenteam mehr aufbietet (vor neun Jahren entschloss sich der Verein, die Kräfte zu bündeln und fortan nur noch die Damenmannschaften zu fördern). Zweitens waren die ersten Volleyballer Turner, die ihr Training im TSV Vilsbiburg mit einer Partie Volleyball ausklingen ließen, einem damals nicht unbekannten, aber auch nicht gerade weit verbreiteten Sport. Mit einer Hand voll Jugendlicher und Männer gründete Übungsleiter Wetzel schließlich die Volleyball-Sparte im TSV, die zunächst "Abteilung Turnspiele" hieß.
Erst ein Jahr später stellten auch die Frauen eine Mannschaft auf die Beine. "Die Mädels waren gut, vom Turnen geschickt und gewandt. Und im Damen-Volleyball war damals die Konkurrenz nicht so groß. Die Mädels sind aufgestiegen, aufgestiegen, aufgestiegen", so Wetzel. Innerhalb von acht Jahren schaffte es die Mannschaft zum ersten Mal in die Erste Liga.
Da hatte sich Wetzel vom Volleyball längst wieder zu den Turnern zurückgezogen. Aber gelegentlich schaut er sich noch heute die Spiele in der Vilstalhalle an. Zu jenem vielleicht vorentscheidenden Spiel gegen Dresden hatte der Verein ihn


"Es ist verblüffend, aber auch beängstigend"


und andere "von der alten Garde" eingeladen, aber seine Gefühle waren gemischt. Mit seiner VIP-Karte durfte Wetzel hinter die Kulissen zu Prominenz und Sponsoren. Das beeindruckte ihn, doch es irritierte ihn auch. "Es ist verblüffend, wie sich das entwickelt hat, aber auch irgendwie beängstigend. Die meisten Leute kennst Du gar nicht. Ich bin kein Freund von dieser Übersteigerung. Aber mir ist klar, dass es sein muss, nur so kann man Bundesliga finanzieren."
Im Grunde sind die Roten Raben eine Wiedergeburt. Als TSV, später als VSV hatte Vilsbiburg in den 80er Jahren bereits einmal in der Bundesliga mitgemischt, aber schlecht gewirtschaftet. 1992 war der Verein pleite und meldete die erste Mannschaft vom Spielbetrieb ab. Von der Bezirksliga kämpfte sich der Club wieder nach oben. 1995 übernahm der gebürtige Bielefelder Jung-Kronseder das Ruder, zunächst als 1. Vorstand, nach der Umwandlung in eine GmbH als Geschäftsführer. Er setzte die Kommerzialisierung durch, auch gegen Widerstände, um eine erneute Pleite zu vermeiden.
Dass seine Mannschaft nach diesem Höhenflug ausbrennt und - wie es so häufig im Sport geschieht - in den Folgejahren ums Überleben strampelt, davor hat er keine Angst. Der Kern der Mannschaft hat längerfristige Verträge, auch die Sponsoren haben dauerhaft zugesagt. Von unten drängt der Nachwuchs, Lenka Dürr und Mona Kreßl (beide 17) spielen in der Ersten Mannschaft, drei weitere Mädchen gehören zur Jugendnationalmannschaft.
Die wichtigste Investition in die Zukunft aber ist die neue Halle, die der Verband zur Auflage gemacht hat. Ende Januar beschloss der Stadtrat den Bau nach langem Hin und Her. Ohne diese Halle hätte der Lizenzentzug oder zumindest der Umzug der Mannschaft nach München oder Landshut gedroht. Ob die Raben nun schon heute Abend die Meisterschaft feiern oder später oder am Ende noch auf Platz zwei abrutschen - dass der Volleyball in Vilsbiburg ausgerechnet in seiner besten Zeit vor dem Aus stünde, so Jung-Kronseder, "dieses Gespenst ist jetzt verscheucht".
hoe

Fotos:   WG

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