Karges Leben hinter makellosen Fassaden
Theaterverein
Trauterfing mit "Jagdszenen aus Niederbayern" wieder auf Erfolgskurs
Hochkarätiges Mundarttheater
Kleinhochreit. Nahtlose Anpassung ist das Gebot der Stunde. Um eine
perfekte Fassade zu bilden, sind Ecken und Kanten fehl am Platz. Dieses
Gesetz gilt es, mit allen Mitteln vehement zu verteidigen. Was sich in die
vorgegebene Norm nicht einfügt, wird entsorgt und ausgesiebt. So
grassieren hinter der niederbayerischen Dorfidylle der Nachkriegszeit
Gefühlskälte und Oberflächlichkeit. Ferdinand Limmer und Herbert Forster
haben mit den hervorragenden Laienspielern des Theatervereins Trauterfing
auch heuer wieder eine großartige Inszenierung auf die Beine gestellt. Als
Kulisse der Geschichte dient das niederbayerische Bauerndorf Reinöd.
Hinter den Fassaden herrscht gnadenlose Ausgrenzung, Heuchelei und
Pharisäertum. Dass dabei das Leben dreier junger Menschen zerstört wird,
erschüttert die Dorfgemeinschaft nur augenscheinlich. Nahtlos geht man zur
Tagesordnung über. Die Welt ist halt in Ordnung, in dem kleinen,
niederbayerischen Bauerndorf.
Mit "Jagdszenen aus Niederbayern" hat sich der Theaterverein Trauterfing
an eine provokante Thematik heran gewagt. Denn der Autor Martin Sperr hat
mit diesem Stück schon bei der Uraufführung im Mai 1966 vor allem die
niederbayerischen Gemüter aufs Schärfste erregt. Diese Handlung könnte
sich aber so oder ähnlich überall auf unserem vernetzten Globus zutragen
und ist heutzutage so aktuell wie eh und je: Niederbayern ist überall.
Der Krieg ist überstanden, und es herrscht wieder Frieden in der
niederbayerischen Provinz. Die Zeiten sind karg, jeder sucht sein
Auskommen, jeder will dazu gehören. Schwarze Schafe haben es schwer in
diesem Ranggefüge. Den katholischen Kirchgängern ist die evangelische
Flüchtlingsfamilie (Helga Leierseder, Michael Seebauer, Patrick Reithmeier)
der erste Dorn im Auge. Da fängt die Gerüchteküche an zu brodeln wie die
dünne Suppe auf dem Herd: "Der Abram treibt's mit de Manna." Seine Mutter
Barbara (Renate Geltinger) hat als Tagelöhnerin eh einen schweren Stand im
Dorf, und sie trägt schwer an der Schande und dem Gerede. In dieser Szene
kommt die Ablehnung ihrem Sohn Abram (Franz Seisenberger) gegenüber
wunderbar zum Ausdruck. Sie habe sich nach Kräften bemüht, einen
anständigen Menschen aus dem Sohn zu machen. Vielleicht, räumt Barbara
ein, hätte sie sich doch ein bisschen mehr um ihn kümmern und ihn weniger
schlagen sollen. Doch die Mutter will sich jetzt nicht mehr aufopfern für
ihr Kind. Viel wichtiger ist ihr, endlich zur Gesellschaft zu gehören.
Abram findet Unterschlupf bei der Bäuerin Maria (Susanne Habrunner) und
ihrem offenbar schwachsinnigen Sohn Rovo (Reinhard Märkl). Dieser leidet
in seiner ausgeprägten Sensitivität am Mangel an seelischer Wärme und
echter Geborgenheit. Längst hat er sich von seiner Umwelt abgekapselt.
Sein Vater ist noch nicht zurück aus dem Krieg. Die Mutter und ihr
Lebensgefährte (Hans Höflsauer) warten sehnlichst auf die Todesnachricht
und wollen Rovo in die Anstalt stecken. Rovo entwickelt zu Abram ein enges
Vertrauensverhältnis und plötzlich steht der Vorwurf der Vergewaltigung im
Raum. Abram wird angezeigt, Maria schmeißt ihn raus.
Weil Abram nie Liebe erfahren hat, kann er auch keine Liebe geben. So
endet die Affäre mit Tonka (Birgit Kasper), die von ihm schwanger ist und
ihn zur Heirat zwingen will, in einer Tragödie. "Ich wollt' dich lieben,
aber ich muss mich zwingen zu dir", gesteht ihr Abram. Den Höhepunkt der
Aufführung bildet dieser überwältigende Akt in seiner absoluten
Authentizität und der überragenden schauspielerischen Leistung von Birgit
Kasper. "I wui di net", schreit Abram. Es kommt zu packenden Szenen mit
eindrucksvollen Dialogen. "I hob den ganzn Dreck für Liebe g'hoitn", weint
Tonka. Abram rastet aus und ersticht Tonka in blinder Wut. Eine hohe
Belohnung wird zu seiner Ergreifung ausgesetzt, das ganze Dorf beteiligt
sich fieberhaft an der Suche. Man will ihn lebend fangen, höchstens ins
Bein schießen. Noch bevor man Abram überhaupt aufgespürt hat, wird die
Belohnung untereinander aufgeteilt.
Mittlerweile hat der "schwachsinnige" Rovo in seiner Ausweglosigkeit
Selbstmord begangen, und die Mutter erstickt in Selbstmitleid. Mit zehn
Mark besticht sie den Pfarrer (Jakob Meier), ein Segensgebet für den
Selbstmörder zu sprechen. Damit ist ihr Gewissen beruhigt. "Herzliches
Beileid" - die Dorfgesellschaft heuchelt Betroffenheit.
In weiteren Rollen spielen Günter Haumaier, Angelika Fleischmann, Anita
Forster, Rosemarie Maier, Sepp Hofmeier und Sieglinde Schaidhammer. Und da
ist noch der Totengräber (Otto Brambs) mit seinen opportunistischen Zügen.
Er zweifelt gar am Glauben, der Pfarrer weiß seinem Schäflein auch nicht
recht zu helfen: "Abartige müssen ihre Triebe unterdrücken, glauben musst
du, dann wirst du selig."
"Lebenslänglich für Abram", der Bürgermeister (Klaus Geltinger) verkündet
die frohe Botschaft. Er schwingt eine Sonntagsrede und meint, all die
Vorkommnisse seien von Gott auferlegt worden. Sein Vorschlag für die
Verwendung der Belohnung wird vom Volk bejubelt: Die Orgel soll renoviert
werden. Schon fügt sich ein neuer Meilenstein in die wunderschöne
Dorffassade, der ganz "normale" Wahnsinn nimmt seinen Lauf, und Albert
Einsteins ironisch formulierte Bemerkung kommt zum Tragen: "Um ein
tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem
ein Schaf sein."
Irmgard Rampp
Text: Vilsbiburger Zeitung
vom 09. Juli 2007 |