Kultur der Stadt
für die ganze Welt
aufbereitet
Vhs-Kulturpreis an die Informatikgruppe der Realschule vergeben -
"Mutige Jury- Entscheidung"

Kultur - das ist für viele Menschen
ausschließlich ernste Musik, Malerei oder Literatur. Kann die Gestaltung
einer Internet-Homepage dann auch Kultur sein? Die mit der Vergabe des Vhs-Kulturpreises
beauftragte Jury meinte nach einiger Diskussion ja - und erhielt für ihre durchaus mutige
Entscheidung am Freitag abend Worte der Anerkennung. Den Vhs-Kulturpreis für das Jahr
1998 erhielt nämlich die Informatikgruppe der Staatlichen Realschule Vilsbiburg für die
"Einrichtung und Gestaltung der Homepage der Stadt Vilsbiburg". Der
Ministerialbeauftragte für Realschulen in Niederbayern, Günter Loibl, begrüßte in
seiner Laudatio die Auszeichnung von jungen Menschen und ihrem besonderen Engagement in
einem modernen Medium.
Rund 500 Seiten umfaßt der Internet-Auftritt der Stadt Vilsbiburg, den man unter www.vilsbiburg.de
aufrufen kann. Reich bebildert, interessant zusammengestellt und mit einer intelligenten
Navigation versehen zählt die Homepage der Stadt zu den bemerkenswerteren Ereignissen im
world-wide web (zu Deutsch: weltweites Netz). Im Vergleich zu vielen anderen Städten,
deren von Agenturen gestaltete Seiten technisch vielleicht professioneller wirken, wirkt
die Vilsbiburger Darstellung lebendiger, lebensnäher und aus der Mitte der Bürgerschaft
kommend.
Gestaltet haben diese Internet-Seiten neun Realschüler unter der fachlichen Anleitung von
Realschul-Konrektor Wilhelm Gräßle und Lehrer Manfred Strobl; Markus Böse, Fabian
Bruckmeier, Martin Hölzl, Mario Lohner, Andreas Schaumeier, Stephan Schoell, Josef
Thurmeier, Manuel Vilsmeier und Thorben Zok, allesamt im Alter um die 15 Jahre, haben
dafür aber nicht nur ihre Begeisterung für Computer eingebracht. Um Vilsbiburg für die
Internet-Nutzer aus aller Welt virtuell aufzubereiten, sammelten die Schüler in der
ganzen Stadt Informationen: "Alle Institutionen, viele Vereine und ganz viele
Einzelpersonen haben bereitwillig ihr Wissen preis gegeben, Texte oder Fotos zur
Verfügung gestellt", sagte Wilhelm Gräßle; er stellte mittels Video-Beamer das
Werk in der vollbesetzten Realschul-Aula vor, nachdem Vhs-Direktor Gerhard Hellmann den
Kulturpreis an die Gruppe verliehen hatte. Die Schüler hätten Dinge über ihre Stadt
erfahren, so Gräßle, die sie ohne ihr Engagement wohl nie zu Gesicht bekommen hätten:
"Es hat viel Arbeit gemacht, aber es hat genau so viel Spaß gemacht".
Für den Ministerialbeauftragten Günter Loibl ist der Kulturpreis eine angemessene
Anerkennung für die Leistung der Gruppe: "An jedem Ort der Erde kann man sich jetzt
via Computer ein Bild von Vilsbiburg machen." Alle kulturellen Aktivitäten in der
Stadt seien in der Homepage aufgeführt, von der Geschichte über die kulturellen
Veranstaltungen bis hin zum Fasching.
Darüber hinaus sei das ganze Leben der Stadt dokumentiert: Die Wirtschaft, die
Gewerbegebiete, der Stadtrat, die Feste oder der Sport. Stadtpläne,
Veranstaltungskalender und Kontakte runden das breit gefächerte Angebot ab. Sogar
Wetterfrosch Alois Döbler ist im Internet vertreten, und von der Vilsbiburger Homepage
gibt es auch einen Link (Anm.: eine direkte Verbindung) zu den aktuellen Internet-Seiten
der Vilsbiburger Zeitung. Besonders schön gestaltet sind die Stadtspaziergänge,
wo man mit der Computer-Mouse die historischen Gebäude der Stadt besuchen und
Wissenswertes über sie erfahren kann. Auch in den einzelnen Abteilungen des Museums kann
man sich umschauen und bis ins Detail informieren.
"Die heutige Jugend hat einen anderen Kulturbegriff", sagte Loibl, und diese
Gruppe habe die bestehende Kultur für das neue Medium aufbereitet. Damit dies geglückt
sei, hätten sich die Schüler mit der Kultur intensiv befassen müssen: "Wer heute
den Verlust der Lesetechniken beklagt, übersieht, daß man im Internet ohne Lesen und
Schreiben zu können, verloren ist". Durch das Internet sei die Lust der Jugend
groß, diese Techniken zu beherrschen - und dazu auch die Sprache des worldwide web,
Englisch.
Es sei eine einmalige Sache, die hier entstanden sei, sagte Loibl, und ihn spreche die
lebensnahe Darstellung der Stadt mehr an, als die technisch perfekten Seiten von Profis,
die inhaltlich meist nur einen Bruchteil dessen bieten können, von dem, was Vilsbiburg
herzuzeigen hat. Da die Schüler von allen Seiten Unterstützung bekommen hätten, sei
dies ein Gemeinschaftswerk vieler: "So ein Riesenwerk kann nur in der Teamarbeit
gelingen, wobei auch die Lehrer ein gutes Vorbild gewesen sind". Vieles auf diesen
knapp 500 Seiten sei in der Freizeit entstanden.
Viele ältere Leute hätten ein wenig Angst vor dem Computer, sagte der Laudator, sie
würden den Kontakt mit diesem Medium scheuen. Dies sei falsch: "Ich sage ihnen:
Diese jungen Leute hier, ihnen gehört die Zukunft".
Zur Kulturpreisverleihung waren zahlreiche Ehrengäste in die Aula der Realschule
gekommen, darunter Bezirksrätin Dr. Johanna Auerbeck, stellv. Landrat Helmut Wimmer,
Bürgermeister Helmut Haider und sehr viele Stadträte. Sie und die Vertreter von Vereinen
und aus der Wirtschaft nutzten im Anschluß an den Festakt die Gelegenheit zu einem
gemütlichen Plausch. Umrahmt wurde die Feier von den musikalischen Ensembles der
Realschule unter der Leitung von Jens Winkel und Marianne Bauer. |